Die Girocard regiert, die Kreditkarte hilft aus
An der Ladenkasse ist in Deutschland die Girocard das Maß der Dinge, vielen noch als EC-Karte geläufig. Sie bucht zeitnah vom Girokonto ab und wird im Inland fast überall akzeptiert. Genau dort liegt der Unterschied zur Kreditkarte: Visa und Mastercard rechnen gesammelt ab, Charge-Karten wie die von American Express ziehen einmal im Monat den vollen Betrag ein. Eine Kreditkarte in Deutschland ist deshalb längst nicht immer ein Kredit im klassischen Sinn. Sehr oft handelt es sich um eine Debitkarte, die jeden Einkauf sofort vom Konto abbucht.
Im Alltag fällt das selten auf. Kritisch wird es bei drei Situationen. Kleine Bäckereien, Imbisse und manche Praxen akzeptieren nur Girocard oder Bargeld. Mietwagenfirmen verlangen häufig eine echte Kreditkarte auf den Namen des Fahrers, eine Debitkarte wird abgelehnt. Und im Onlinehandel sowie auf Reisen außerhalb des Euroraums ist die internationale Karte der bequemere Weg. Wer beides braucht, kombiniert Girocard und Kreditkarte, statt eine gegen die andere zu tauschen.
Was im Preisverzeichnis steht, aber selten im Werbetext
Die Jahresgebühr ist nur eine Zeile von vielen. Interessanter sind vier Posten: das Fremdwährungsentgelt, die Gebühr am Geldautomaten, der Sollzins bei Ratenzahlung und die Frage, ob die Monatsrechnung automatisch voll ausgeglichen wird. Bei American Express liegt der Aufschlag für Zahlungen in fremder Währung bei zwei Prozent, bei Karten ohne Jahresgebühr oft bei null. Beim Bargeldabheben verlangen manche Anbieter im Ausland nichts, andere vier Prozent mit Mindestbetrag. Im Inland wiederum tauchen Gebühren auf, die kaum jemand erwartet, etwa knapp vier Euro pro Abhebung an fremden Automaten.
Wer eine Kreditkarte ohne Jahresgebühr sucht, findet sie leicht. Entscheidend ist, was danach kommt. Der effektive Jahreszins für offene Salden liegt bei den geprüften Karten zwischen rund 17 und 25 Prozent. Das ist teurer als jeder normale Ratenkredit. Zudem ist bei einigen Produkten die Teilzahlung bereits voreingestellt, sodass die Rechnung nicht automatisch voll beglichen wird. Ein Kreditkarten-Vergleich für Deutschland sollte deshalb immer dieselbe Frage zuerst stellen: Zahle ich freiwillig alles zurück, oder rutscht der Saldo in die Finanzierung?
Der teuerste Fehler bleibt die Teilzahlung
Eine Beispielrechnung, wie sie Verbraucherportale regelmäßig zeigen, macht das Muster deutlich. Ausgangssaldo 2.000 Euro, Sollzins 22 Prozent, Mindestrate drei Prozent des Saldos. Wer nur diesen Mindestbetrag zahlt und keine neuen Ausgaben macht, hat nach zwölf Monaten rund 540 Euro überwiesen. Davon sind etwa 370 Euro Zinsen, und die Restschuld liegt noch bei ungefähr 1.830 Euro. Die Schuld bewegt sich also kaum, obwohl jeden Monat gezahlt wurde.
Dazu kommt ein Detail, das viele übersehen: Die zinsfreie Frist zwischen Einkauf und Abrechnung gilt nur, solange die Rechnung vollständig ausgeglichen wird. Wer einmal weniger überweist, verliert bei manchen Anbietern diese Frist auch für neue Umsätze. Die Karte fühlt sich dann an wie ein teurer Kleinkredit, ohne dass es jemand ausgesprochen hätte.
Sieben Karten, sieben Rollen
| Karte (Anbieter) | Kartentyp | Jahresgebühr | Fremdwährung | Bargeld | Sollzins | Passt zu |
|---|
| American Express Platinum | Charge | 720 € | 2 % | 4 %, min. 5 € | keine Raten | Vielflieger mit Loungebedarf |
| American Express Gold | Charge | 240 € | 2 % | 4 %, min. 5 € | keine Raten | Punkte und Versicherungen |
| American Express Card | Charge | 60 €, ab 9.000 € Umsatz 0 € | 2 % | 4 %, min. 5 € | keine Raten | klassische Nutzung mit Anreizen |
| Santander BestCard Smart | Revolver | 0 € | laut Preisverzeichnis prüfen | laut Preisverzeichnis prüfen | 16,72 % | niedrigster Zins unter den gebührenfreien Modellen |
| easybank credit card | Revolver | 0 €, 2 €/Monat bei 100 % Rückzahlung | 0 % | ab 50 € gebührenfrei | 21,21 % | volle Rückzahlung, gelegentliche Reisen |
| TF Mastercard Gold | Revolver | 0 € | 0 % | weltweit 0 € | 25,09 % | Vielreisende ohne Automatengebühr |
| Hanseatic GenialCard | Revolver | 0 € | 0 % im Ausland | Ausland 0 €, Inland 3,95 € | 19,92 % | Alltag in Deutschland plus Urlaub |
Die Tabelle zeigt eine unangenehme Wahrheit: Die günstigste Jahresgebühr und der günstigste Zins sind selten dasselbe Produkt. Wer die Rechnung immer voll zahlt, kann mit einer Null-Euro-Karte gut leben. Wer flexibel bleiben will, zahlt diesen Komfort über den Zins.
Zwei Geschichten aus der Praxis
Sarah aus Hamburg reist mehrmals im Jahr nach Italien und bucht dort Ferienwohnungen. Ihre erste Karte war eine Charge-Karte mit zwei Prozent Fremdwährungsaufschlag. Bei Restaurantbesuchen und Einkäufen vor Ort kam jeden Monat spürbar etwas zusammen, ohne dass sie es je nachgerechnet hatte. Sie wechselte zu einer Karte ohne Auslandsaufschlag und behielt die alte Karte für Punkte und Versicherungen. Seitdem prüft sie vor jeder Reise nur noch eine Zahl: den Aufschlag in Fremdwährung.
Markus aus Leipzig arbeitet selbstständig und braucht die Karte für Online-Rechnungen und gelegentliche Tankstellen. Ihm war wichtiger, dass die Monatsrechnung automatisch voll ausgeglichen wird. Eine Ratenoption hätte ihn in Versuchung gebracht, Rechnungen zu strecken. Er hat sich für eine Revolver-Karte entschieden, bei der er die Rückzahlung bewusst auf hundert Prozent gestellt hat, und nutzt im Laden weiter die Girocard. Sein Argument: zwei Karten, zwei klare Aufgaben.
Regional zeigt sich ein weiterer Unterschied. In München verlangen Mietwagenstationen am Hauptbahnhof und am Flughafen regelmäßig eine echte Kreditkarte, häufig mit freiem Limit und auf den Namen des Fahrers. In Berlin wiederum trifft man auf Cafés und Concept Stores, die nur Karte nehmen, dann aber Visa und Mastercard akzeptieren. Für beide Städte gilt: Wer nur eine Girocard dabei hat, wird an einzelnen Stellen scheitern.
Vier Schritte vor dem Antrag
- Zahlungsprofil notieren. Drei Monate Kontoauszüge ansehen und zählen, wie oft im Ausland, online und am Automaten gezahlt wurde. Daraus ergibt sich, welche Gebühren überhaupt relevant sind.
- Preisverzeichnis lesen, nicht die Startseite. Vier Zeilen suchen: Jahresgebühr, Fremdwährungsentgelt, Abhebegebühr, Sollzins. Zusätzlich prüfen, ob die Vollrückzahlung Standard ist oder aktiv eingestellt werden muss.
- Bonität vorab klären. Die Kreditkarte beantragen heißt in Deutschland fast immer Schufa-Prüfung. Die Selbstauskunft über meineschufa.de ist einmal pro Jahr möglich und zeigt fehlerhafte Einträge, bevor sie den Antrag bremsen. Mehr als zwei bis drei Karten wirken sich erfahrungsgemäß ungünstig aus.
- Zwei Karten statt einer. Girocard für den Alltag, internationale Karte für Reisen und Onlinezahlungen. Wer häufig außerhalb des Euroraums unterwegs ist, nimmt zusätzlich eine Debitkarte als Ausfallreserve mit.
Lokale Anlaufstellen helfen beim Feinschliff. Die Verbraucherzentralen in Hamburg, Köln und München beraten zu Kartenverträgen und Teilzahlungsmodellen. Stiftung Warentest veröffentlicht regelmäßig Auswertungen zu Kreditkarten. Und wer vor Ort ein Konto bei einer Bank der Cash Group führt, kann an deren Automaten im Inland ohne Zusatzgebühr abheben, was die Kartenwahl erleichtert.
Wer heute seine letzten drei Kontoauszüge zur Hand nimmt und die Ausgaben im Ausland, online und am Automaten markiert, hat die Grundlage für eine Entscheidung, die nicht auf Marketing beruht. Der nächste Schritt ist unspektakulär: ein Blick in zwei Preisverzeichnisse und ein ehrlicher Vergleich mit dem eigenen Zahlungsverhalten. Danach lässt sich die Karte in wenigen Minuten beantragen, mit einem ruhigen Gefühl bei der ersten Abrechnung.